Expertenanalyse: Wie die Sozialdemokratie durch ihre 'Grüner-Werden'-Strategie an Boden verliert
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) kämpft seit geraumer Zeit mit schwindenden Wählerstimmen und einem fortschreitenden Bedeutungsverlust. Ein anerkannter Politikwissenschaftler identifiziert die vermehrte Ausrichtung auf ökologische Themen und die damit verbundene Neuausrichtung der Wähleransprache als eine Hauptursache für diese Entwicklung. Professor Dr. Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen beleuchtet im Gespräch, wie dieser Kurswechsel für die SPD fatale Konsequenzen nach sich zieht.
Korte hebt hervor, dass die SPD, welche historisch die Interessen der arbeitenden Bevölkerung und der sozial Schwächeren vertrat, ihre ursprünglichen Kernbotschaften sowie ihre traditionelle Anhängerschaft aus den Augen verloren hat. Stattdessen versucht die Partei, vermehrt ein akademisches und urbanes Publikum anzusprechen – eine Wählergruppe, die bislang überwiegend den Grünen nahestand. Dieser Versuch, neue Wählersegmente zu erschließen, führt laut Korte zur Entfremdung von der angestammten Wählerbasis.
Die politische Agenda der SPD hat sich in den letzten Jahren erheblich den Positionen der Grünen angenähert. Viele Themen, die traditionell fest der SPD zugeschrieben wurden, wie etwa soziale Gerechtigkeit im Bereich der Arbeitswelt, werden zunehmend von umweltpolitischen Agenden überlagert. Korte konstatiert, dass die SPD in der Wahrnehmung vieler Bürger lediglich als eine 'zweite grüne Partei' erscheint, die dem etablierten Original in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen kann. Wenn das Original zur Wahl steht, sei es unwahrscheinlich, dass die Kopie bevorzugt wird.
Diese Unschärfe im Profil hat eine signifikante Abwanderung von Wählern zur Folge. Alteingesessene SPD-Wähler, die sich von ihrer Partei nicht mehr repräsentiert fühlen, wechseln teilweise zur CDU/CSU, sofern sie eine konservativere Haltung vertreten, oder wenden sich in Fällen von Protest gar der AfD zu. Ein beachtlicher Anteil dieser enttäuschten Wähler bleibt zudem den Urnen fern. Gleichzeitig gelingt es der SPD nicht, im ausreichenden Maße neue Wähler aus dem grün-affinen Milieu für sich zu gewinnen, da die Grünen dort als authentischer und etablierter wahrgenommen werden.
Korte kritisiert, dass die SPD die 'Mitte der Gesellschaft' aus den Augen verloren habe. Die Konzentration auf spezifische Nischenthemen oder auf das linke Ende des politischen Spektrums führe dazu, dass eine breite Anziehungskraft fehle. Die SPD müsse dringend eine klare und unverwechselbare Positionierung finden, die ihre sozialdemokratischen Grundwerte wieder in den Vordergrund rückt und gleichzeitig zukunftsorientiert ist. Nur so könne sie zu ihrer früheren Stärke zurückfinden.
Für Korte ist der Weg klar: Die SPD muss sich entscheiden, ob sie eine Volkspartei bleiben oder sich zu einer Kleinpartei am linken Flügel des politischen Spektrums entwickeln möchte. Die gegenwärtige Strategie der 'Vergrünung' und der Annäherung an die Grünen betrachtet er als einen Irrweg, der die Partei weiter in die politische Bedeutungslosigkeit treibt. Eine Rückbesinnung auf ihre Wurzeln, kombiniert mit einer modernen Interpretation sozialdemokratischer Prinzipien, sei der einzige Ausweg aus der aktuellen Misere.