Nahost-Konflikt: Wie die Auseinandersetzungen mit Iran-Bezug Wirtschaft und Verbraucher zunehmend belasten
Die Spannungen im Nahen Osten nehmen zu, und damit verschärfen sich auch die ökonomischen Auswirkungen für Unternehmen und Konsumenten rund um den Globus. Was von zahlreichen Fachleuten als „Iran-Krieg“ bezeichnet wird – da ein Großteil der Konflikte auf Teheran und seine verbündeten Gruppen zurückzuführen ist – erstreckt sich längst über die Grenzen der Region hinaus. Vielmehr sind globale Lieferketten durcheinandergeraten, während Energiepreise rapide ansteigen. Dies wiederum treibt Produktionskosten und letztendlich die Preise für Endverbraucher nach oben.
**Globale Versandwege unter Druck**
Die globalen Transportwege stellen den ersten Sektor dar, der direkt von den Konflikten betroffen ist. Die Attacken der Huthi-Rebellen auf Handelsschiffe im Roten Meer zwingen Schifffahrtsunternehmen dazu, ihre Routen um das Kap der Guten Hoffnung zu legen – eine vollständige Umfahrung Afrikas. Dies führt zu einer Verlängerung der Reisezeit um 10 bis 14 Tage und zieht erheblich höhere Ausgaben für Treibstoff sowie Crewlöhne nach sich. Der Preis für einen Standardcontainer von Shanghai nach Europa hat sich binnen weniger Wochen verdrei- bis vervierfacht.
Diese Zeitverzögerungen beeinträchtigen die Lieferketten merklich. „Die Verlängerung der Seetransportrouten nach Asien infolge der Situation im Roten Meer resultiert in beträchtlichen Lieferverzögerungen für die Industrie, die teilweise bis zu zwei Wochen betragen“, erklärte zum Beispiel Logistikexperte Christian Lembke vom Bundesverband Spedition und Logistik BSL dem Tagesspiegel.
Bereits viele Firmen haben Maßnahmen ergriffen: Tesla stoppte die Produktion in seiner Gigafactory in Grünheide nahe Berlin vorübergehend, da es an essenziellen Bauteilen mangelte. Der schwedische Automobilhersteller Volvo reduzierte ebenfalls die Fertigung in einem seiner Werke in Belgien. Mittlerweile beschränken sich die Angriffe nicht mehr nur auf Frachtschiffe, sondern erfassen auch Pkw-Frachter, was die Situation zusätzlich zuspitzt. Das Prinzip der „Just-in-Time“-Produktion, bei dem Unternehmen ihre Lagerbestände minimal halten und auf exakte Lieferzeiten angewiesen sind, ist durch die derzeitige Krise erheblich bedroht.
**Steigende Öl- und Gaspreise**
Zeitgleich zur Bedrohung der Lieferketten treibt die verschärfte Lage im Nahen Osten auch den Ölpreis in die Höhe. Berichte über Angriffe, Konfiszierungen oder militärische Gegenmaßnahmen führen wiederholt zu Unsicherheit auf dem globalen Markt. Beispiele hierfür sind der Drohnenangriff auf eine US-Militärbasis in Jordanien, die Beschlagnahmung eines Öltankers durch den Iran, der iranische Angriff auf Pakistan oder die Gegenschläge der USA und Großbritanniens gegen Stellungen der Huthi-Rebellen im Jemen.
Der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte Brent aus der Nordsee überstieg kurzzeitig die Schwelle von 80 Dollar. Obwohl der Preis zwischenzeitlich wieder leicht nachgab, bleibt er wechselhaft. Die größte Besorgnis gilt der möglichen Blockade der Straße von Hormus, durch die fast 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls transportiert werden. Eine solche Entwicklung würde die internationalen Ölmärkte massiv beeinträchtigen. Auch die Gaspreise reagieren darauf; der europäische Richtwert für Gas, die Futures auf den niederländischen TTF-Hub, verzeichneten wieder Zugewinne.
**Auswirkungen auf Konsumentenpreise und Inflation**
Die erhöhten Energie- und Transportausgaben äußern sich unmittelbar in höheren Preisen für die Konsumenten. Eine Inflation, die sich gerade erst abschwächte, könnte dadurch neuen Schub erhalten. „Sollten die Kosten für Öl und Gas dauerhaft steigen, droht eine erneute Inflationswelle“, mahnt beispielsweise das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Ein Anstieg der Energiepreise um 20 Prozent könnte die Inflationsrate um 0,5 Prozentpunkte erhöhen. Folglich würden auch die Preise für Nahrungsmittel, die eng an Energie- und Transportkosten gekoppelt sind, wieder ansteigen.
Zentralbanken, wie die Bundesbank und die Europäische Zentralbank, verfolgen die Ereignisse im Nahen Osten und deren Inflationseffekte mit großer Aufmerksamkeit. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel wies darauf hin, dass bei persistent hohen Ölpreisen die Gefahr einer erneuten Inflation bestünde. In diesem Fall müssten die Zentralbanken ihre Zinspolitik eventuell anpassen.
**Das Problem der Kriegsfinanzierung durch den Iran**
Ein zentrales Problem stellt die Finanzierung des iranischen Regimes dar, dessen Politik die gegenwärtige Eskalation maßgeblich vorantreibt. Obwohl Deutschland und die EU Sanktionen gegen den Iran erlassen haben – begründet durch sein Atomprogramm und Menschenrechtsverletzungen –, exportiert der Iran weiterhin erhebliche Mengen an Öl, hauptsächlich nach China und Syrien.
Dabei bedient sich das Regime einer „Schattenflotte“ veralteter Tanker, um die Sanktionen zu umgehen. Die auf diese Weise erzielten Einnahmen dienen nicht nur der wirtschaftlichen Stützung Irans, sondern fließen auch unmittelbar in die Finanzierung von Teherans verbündeten Gruppen – darunter Hamas, Hisbollah und die Huthi-Rebellen. Fachleute plädieren daher für eine strengere Durchsetzung der existierenden Sanktionen, um dem Iran diese Finanzierungswege zu verschließen. Nur auf diesem Wege sei es möglich, dem Regime und seinen Verbündeten die finanziellen Mittel zu entziehen und die Eskalationsspirale zu unterbrechen.