Miklós Ligeti, ein anerkannter ungarischer Fachmann für Korruptionsbekämpfung, präsentiert eine schonungslose Analyse: Er sieht die Korruption in Ungarn nicht als bloße Fehlentwicklung im politischen oder wirtschaftlichen Bereich, sondern als ein gezieltes „Herrschaftsinstrument“ der Regierung unter Viktor Orbán. Dieses System dient dem Zweck, einen privilegierten Zirkel von Getreuen finanziell zu begünstigen und Orbáns Herrschaft zu festigen. Wesentliche Säulen dieser Praxis sind die systematische Vergabe von staatlichen Aufträgen an Verbündete und Günstlinge sowie die bewusste Umleitung von Finanzmitteln der Europäischen Union. Die Europäische Union fungiert dabei als eine Art „Versorgungsstation“, aus der sich das Orbán-System seit geraumer Zeit bedient. Obwohl aufgrund von Rechtsstaatlichkeitsbedenken ursprünglich 4,4 Milliarden Euro an EU-Geldern für den Förderzeitraum 2021 bis 2027 eingefroren wurden, ist ein Großteil dieser Gelder mittlerweile wieder freigegeben worden. Ligeti erläutert, dass das Hauptziel darin besteht, eine eigenständige, parallel zur Regierung agierende Wirtschaftsmacht zu etablieren. Ein exemplarisches Beispiel hierfür stellt das sogenannte „Stiftungsmodell“ dar. Dabei werden Universitäten, Krankenhäuser und Museen – wesentliche Bestandteile des Staatsvermögens – an private Stiftungen überführt. Deren Kuratorien sind wiederum mit Personen besetzt, die Viktor Orbán loyal ergeben sind. Diese Stiftungen sollen fortan als eine Art „sekundäres Machtzentrum“ fungieren. Die dahinterstehende Intention ist eindeutig: Selbst im Falle eines Machtverlusts Orbáns soll diese ökonomische Grundlage weiterhin Bestand haben und ihm die Treue sichern. Das Bestreben ist, einen „Putsch von innen“ abzuwenden, indem die Eliten durch finanzielle Abhängigkeiten an das System gebunden werden. In diesem Kontext äußert Ligeti auch Kritik an der Rolle der Europäischen Union. Er bezeichnet sie als einen „bereitwilligen Komplizen“ des Korruptionssystems, da sie die unerlässlichen finanziellen Ressourcen zur Verfügung stelle. Der Rechtsstaatlichkeitsmechanismus der EU wird als zu träge und unwirksam beurteilt. Seiner Ansicht nach hat die EU es versäumt, ausreichend Druck auf Ungarn auszuüben. Er zieht Vergleiche zu Russland, wo ein vergleichbares System der staatlich gesteuerten Kleptokratie existiert. Ebenso sei die Korruption in Ungarn nicht bloß ein Missstand, sondern eine fundamentale Staatsstruktur, wobei Orbán die Rolle des „Kleptokraten Nummer eins“ einnehme. Unter diesen Gegebenheiten gestaltet sich die Bekämpfung der Korruption äußerst mühsam, da sie nicht als Ausnahme, sondern als Systemregel fungiert. Ligeti hegt kaum Hoffnung auf eine interne Wende; den einzigen gangbaren Weg sieht er in externem Druck, vor allem seitens der EU. Seine Schlussfolgerung ist ernüchternd: Das etablierte System sei zu tief verankert und diene den Interessen der Regierungspartei in einem solchen Ausmaß, dass eine baldige Verbesserung kaum absehbar sei.