Washington Post: Grußloser Abschied
Aus London wurde am 13. Juni bekannt, dass der britische Medienmanager Will Lewis, der erst vor einigen Monaten die Rolle des Herausgebers und CEO bei der Washington Post übernommen hatte, das Medienhaus bereits wieder verlassen hat. Dieser Abschied ereignete sich in einer Zeit großer Unruhe und intensiver Kritik, die sowohl seine Person als auch die von ihm angestoßenen strategischen Veränderungen betraf.
Lewis, der zuvor Führungspositionen bei News Corp und Dow Jones bekleidete, war eigentlich dazu berufen, die in Schwierigkeiten geratene Traditionszeitung zu digitalisieren und erneut rentabel zu machen. Seine Beschlüsse provozierten jedoch erheblichen Widerstand innerhalb des Unternehmens. Vor allem die Kündigung der Chefredakteurin Sally Buzbee und die Überlegung, eine „dritte Redaktion“ einzuführen, die sich auf „Service-Journalismus“ konzentrieren sollte, lösten Empörung aus. Viele Journalisten empfanden dies als Abkehr von den grundlegenden Werten des investigativen Journalismus, für den die Post bekannt ist.
Darüber hinaus wurde Lewis vorgeworfen, er habe versucht, die Berichterstattung über seine vorherige Tätigkeit bei News Corp zu steuern. Er soll den Reportern der Post nahegelegt haben, spezifische Details seiner Beteiligung am britischen Abhörskandal, der die Zeitung News of the World betraf, nicht weiter zu recherchieren. Obwohl Lewis diese Anschuldigungen stets zurückwies, untergruben sie das Vertrauen innerhalb der Redaktion erheblich.
Meredith Kopit Levien, die Eigentümerin der Washington Post und zugleich CEO der Muttergesellschaft Graham Holdings Company, hatte Lewis erst im Januar in seine Rolle berufen. Sein unerwarteter Rücktritt, kurz vor der anstehenden US-Präsidentenwahl, wirft nun erneut Bedenken hinsichtlich der Führungsperspektive und der künftigen Ausrichtung der Publikation auf. Die Post sieht sich seit Jahren mit einem Rückgang der Abonnentenzahlen und finanziellen Defiziten konfrontiert.
Ein fester Nachfolger für Lewis wurde bisher nicht benannt. Vorerst wird Matt Murray, der frühere Chefredakteur des Wall Street Journal, die Leitung interimsweise übernehmen. Lewis‘ Ausscheiden stellt einen weiteren Rückschlag für die renommierte Zeitung dar, die dringend eine verlässliche Führung benötigt, um ihren notwendigen Wandel erfolgreich umzusetzen.



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