Social-Media-Verbot: Sollen die Kids echt lieber im Darknet abhängen als auf TikTok?

Weltweit nimmt die Diskussion um Einschränkungen bei der Social-Media-Nutzung für junge Menschen Fahrt auf. In Florida steht ein Gesetz zur Debatte, das Minderjährigen unter 16 Jahren den Zugang zu bestimmten digitalen Plattformen untersagen könnte, während die Europäische Union vergleichbare Schritte in Erwägung zieht. Im US-Bundesstaat Montana wurde ein vollständiges TikTok-Verbot implementiert, welches allerdings von einem Gericht vorläufig ausgesetzt wurde.

Die Befürworter solcher Verbote argumentieren primär mit dem Schutz der Heranwachsenden vor den Gefahren des Online-Raums. Hierzu zählen schädliche Inhalte, mentale Belastungen, potenzielle Risiken für den Datenschutz sowie die Suchtgefahr, die durch raffinierte Algorithmen entsteht. Diese Beweggründe erscheinen auf den ersten Blick logisch und finden weithin Anklang in der Gesellschaft.

Stellt sich jedoch die Frage, ob solche strikten Verbote tatsächlich die zielführende Lösung darstellen. Historische Beispiele belegen, dass Verbote selten die beabsichtigte Wirkung erzielen. Junge Generationen sind technisch affin und finden regelmäßig Möglichkeiten, Beschränkungen zu umgehen – sei es mithilfe von VPNs, kreativen Umwegen oder durch die Nutzung von alternativen, oft weniger regulierten Plattformen. Die Gefahr dabei: Anstatt sich auf Plattformen wie TikTok zu bewegen, die zumindest ein Mindestmaß an öffentlicher Aufsicht und Hilfsmechanismen bieten, könnten sich Jugendliche in unübersichtlichere Bereiche des Internets zurückziehen, wie etwa verschlüsselte Messaging-Gruppen oder sogar ins Darknet.

In diesen verborgeneren Bereichen entfällt für Eltern, Pädagogen und staatliche Institutionen jegliche Kontroll- und Aufsichtsmöglichkeit. Das Risiko, dass Kinder dort mit noch bedenklicheren Inhalten oder zweifelhaften Personen in Berührung kommen, steigt exponentiell an. Ein scheinbar sicheres Verbot im öffentlichen Raum könnte somit unerwartet eine Verlagerung der Problematik in weitaus riskantere Umgebungen bewirken.

Anstatt auf Verbote zu setzen, sollte der Fokus auf Bildung und die Stärkung digitaler Fähigkeiten liegen. Digitale Kompetenz stellt im 21. Jahrhundert eine essenzielle Qualifikation dar. Kinder und Jugendliche müssen befähigt werden, soziale Medien kritisch zu beurteilen, Desinformationen zu erkennen, ihre persönliche Privatsphäre zu sichern und verantwortungsvoll mit ihren eigenen Daten umzugehen. Diese Aufgabe obliegt gleichermaßen den Eltern, Bildungseinrichtungen und der gesamten Gesellschaft.

Eltern tragen eine maßgebliche Rolle als Begleiter ihrer Kinder. Ihre Aufgabe sollte nicht allein im Aufstellen von Regeln bestehen, sondern darin, aktiv den Austausch zu suchen, die genutzten Plattformen und Motivationen der Kinder zu verstehen und ihnen dabei zu helfen, sich souverän und sicher in der Online-Welt zu bewegen. Dieser Prozess erfordert Zeit, Ausdauer und Offenheit, erweist sich jedoch als wesentlich dauerhafter als eine staatliche Untersagung, die höchstens eine flüchtige, scheinbare Sicherheit erzeugt.

Ferner dürfen wir die positiven Aspekte der sozialen Medien nicht außer Acht lassen. Für zahlreiche junge Individuen stellen sie einen Ort der Gemeinschaft, des Informationsaustauschs, der persönlichen Ausdrucksform und der politischen Beteiligung dar. Hier begegnen sie Gleichgesinnten, erweitern ihr Wissen, teilen ihre Interessen und engagieren sich für wichtige Anliegen. Ein Verbot würde ihnen den Zugang zu diesen bedeutsamen Erfahrungsräumen entziehen.

Die Furcht vor neuen Medienformaten ist keineswegs ein neues Phänomen. Vergleichbare Vorbehalte existierten bereits bei der Einführung des Fernsehens, von Videospielen oder der Rockmusik. Statt in Hysterie zu verfallen und überstürzte Verbote zu erlassen, sollten wir aus historischen Entwicklungen lernen: Digitale Umfelder sind heutzutage ein integraler Bestandteil der Lebenswirklichkeit von jungen Menschen. Sie agieren nicht lediglich als Konsumenten, sondern auch als Schöpfer und aktive Teilnehmer.

Ein Pauschalverbot von sozialen Medien für Personen unter 16 Jahren stellt einen populistischen Ansatz dar, welcher die Komplexität der digitalen Sphäre verkennt und tendenziell mehr Schwierigkeiten hervorruft, als er löst. Anstatt junge Menschen in das Darknet abzudrängen, ist es unsere Aufgabe, ihnen zu vermitteln, wie sie sich sicher und selbstbestimmt online bewegen können. Dies ist der tatsächliche Schutz, den wir ihnen gewähren können und sollten.

Quelle: https://www.freitag.de/autoren/ji-hun-kim/social-media-verbot-sollen-die-kids-lieber-im-darknet-abhaengen-als-auf-tiktok

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