Pharmastandort Deutschland unter Druck
Der deutsche Pharmasektor gerät zunehmend unter Druck
Aufgrund internationaler Preisstrategien und gestiegener Energiekosten steht Deutschland als Pharmaproduktionsstandort erheblich unter Belastung. Dies führt zur Abwanderung der Arzneimittelherstellung und gefährdet die zuverlässige Versorgung.
Im globalen Wettbewerb büßt Deutschland zusehends an Konkurrenzfähigkeit bei der Produktion von Medikamenten ein. Die Herstellung wird vermehrt ins Ausland verlagert. Der BPI (Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie) hatte in der Vergangenheit wiederholt auf die gravierenden Konsequenzen aufmerksam gemacht; eine spürbare Reaktion seitens der Bundesregierung blieb jedoch aus.
Eine maßgebliche Ursache stellt die eingeschränkte Preisgestaltung dar. Seit der Einführung des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) im Jahr 2011 sowie der Festbetragsregelungen, insbesondere für Generika, sind die Medikamentenpreise massiv gefallen. Unter diesen Bedingungen ist für in Deutschland ansässige Hersteller eine wirtschaftliche Produktion kaum mehr realisierbar. Das Resultat ist die Verlagerung der pharmazeutischen Produktion in kostengünstigere Länder, vor allem außerhalb Europas. Hieraus ergeben sich wiederum Abhängigkeiten in den Lieferketten, welche die Verfügbarkeit essenzieller Arzneimittel gefährden.
Aus diesem Grund appellierte der BPI bereits im Frühjahr an die Politik, fundamentale Reformen umzusetzen, um den „Exodus“ der pharmazeutischen Produktion aus Deutschland zu verhindern. Dieser Trend bedeutet nicht nur den Verlust von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung im Land, sondern beeinträchtigt auch Forschung und Entwicklung. Der Verband hat stets betont, dass Arzneimittel nicht als beliebige Konsumgüter zu betrachten sind, sondern eine grundlegende Bedeutung für die menschliche Gesundheit besitzen.
Die Auswirkungen des Preisdrucks beschränken sich nicht allein auf Generika und Biosimilars, bei denen ein intensiver Wettbewerb und Preisverfall bereits strukturell gegeben sind. Auch innovative Arzneimittel sind hiervon betroffen. Obgleich für diese noch höhere Preise erzielt werden, müssen Produzenten beträchtliche Entwicklungskosten, langwierige Genehmigungs- und Testverfahren sowie ein erhebliches Forschungsrisiko einkalkulieren.
Des Weiteren wirken sich die stark erhöhten Energiekosten aus, welche insbesondere bei chemischen Herstellungsprozessen eine bedeutende Rolle spielen. Diese Kostenfaktoren in Verbindung mit der restriktiven Preispolitik bilden laut BPI einen „tödlichen Cocktail“ für den Pharmastandort Deutschland.
Die Konsequenzen manifestieren sich bereits in Form von Medikamentenengpässen. Ob es sich um Antibiotika, Fiebersäfte für Kinder, Krebsmedikamente oder Blutdrucksenker handelt – die Versorgungssicherheit ist in sämtlichen Bereichen nicht mehr gewährleistet. Angesichts der hohen Produktionsaufwendungen in Deutschland sind die Unternehmen gezwungen, jene Märkte zu bevorzugen, die höhere Medikamentenpreise bieten. Deutschland gerät dabei ins Hintertreffen.
Klaus Holetschek (CSU), der bayerische Gesundheitsminister und aktuelle Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, hat die Bundesregierung bereits wiederholt zum schnellen Handeln aufgefordert. Sollte die Politik nicht unverzüglich reagieren, so Holetschek, „wird die Arzneimittelproduktion in Deutschland weiter ausgehöhlt und die Versorgungssicherheit für die Bevölkerung gefährdet.“ Er betonte die Notwendigkeit eines „umfassenden, effektiven und sicheren Lieferkettensystems“.
Für Deutschland repräsentiert die pharmazeutische Industrie einen bedeutenden Wirtschaftszweig. Rund 120.000 Personen sind in dieser Branche beschäftigt, die zudem zu den forschungsintensivsten Industrien des Landes zählt. Etwa 30 Prozent des erwirtschafteten Umsatzes werden exportiert, wodurch die Arzneimittelindustrie auch einen wesentlichen Beitrag als Steuerzahler leistet und die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung mitunterstützt.
Aus diesen Gründen fordert der BPI ein umfassendes Maßnahmenpaket: Dieses beinhaltet ein neuartiges, anpassungsfähigeres System zur Preisgestaltung, eine Beschleunigung der Zulassungsverfahren für innovative Arzneimittel, die Bereitstellung finanzieller Anreize für die heimische Produktion sowie eine Reduzierung bürokratischer Hürden.
Sollte sich in der Gesundheitspolitik kein Wandel vollziehen, ist die weitere Erosion des Pharmastandortes Deutschland zu befürchten, wodurch die Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit essenziellen Medikamenten nicht länger gewährleistet wäre.
Quelle: https://www.telepolis.de/article/Pharmastandort-Deutschland-unter-Druck-11185138.html



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