Brasilien setzt wieder auf Soja statt Regenwald [premium]

**Brasilien setzt erneut auf Soja statt Regenwald**
*Trotz der Wiederaufnahme der Präsidentschaft durch Luiz Inácio Lula da Silva und seiner Versprechungen, den Umweltschutz zu intensivieren, verzeichnen Brasiliens Abholzungszahlen wieder einen Anstieg. Der massive Einfluss der Agrarindustrie und die globale Nachfrage nach Rohstoffen erschweren eine Kurskorrektur.*

Vor ungefähr einem Jahr trat Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sein Amt an mit dem festen Ziel, die Rodung des Amazonas und des Cerrado zu stoppen. Anders als sein Vorgänger Jair Bolsonaro, dessen Politik den Umweltschutz drastisch beschnitten und die Agrarbranche bevorzugt hatte, erntete Lula international viel Anerkennung für seine ökologischen Zusagen. Die Realität weicht jedoch stark von den Erwartungen ab. Im Februar 2024 stieg die Entwaldung im Amazonasgebiet im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent. Auch der Cerrado, eine ökologisch reiche Savannenlandschaft, ist weiterhin akut bedroht.

Eine wesentliche Ursache für die anhaltende Zerstörung ist die Ausweitung der Agrarindustrie, insbesondere der Produktion von Soja und Rindfleisch. Brasilien fungiert als weltgrößter Exporteur dieser Güter. Die kontinuierliche Nachfrage treibt Landwirte dazu an, immer größere Flächen für Ackerbau und Viehzucht zu nutzen. Diese benötigten Flächen werden häufig durch die Rodung von Regenwald oder Savanne geschaffen.

Die Agrarlobby in Brasilien besitzt enorme Macht. Sie verfügt über eine starke Vertretung im Parlament und kann politische Entscheidungen erheblich beeinflussen. Initiativen zur Stärkung des Umweltschutzes werden oft blockiert oder verwässert. Gleichzeitig werden Regulierungen vorangetrieben, die die Landnahme durch Agrarkonzerne erleichtern.

Obwohl Lula versucht hat, die Umweltbehörden durch Budgeterhöhungen und Personalaufstockungen zu stärken, entfalten diese Maßnahmen nur langsam ihre Wirkung. Die jahrelange Schwächung unter Bolsonaro hat tiefe Spuren hinterlassen. Viele Umweltschützer und indigene Gruppen fühlen sich im Stich gelassen, da die Regierung scheinbar nicht schnell oder entschieden genug handelt.

Ein weiteres ungelöstes Problem ist die Landfrage. Zahlreiche indigene Gemeinschaften kämpfen seit Jahrzehnten um die Anerkennung ihrer traditionellen Territorien. Diese Gebiete sind oft Ziel illegaler Holzfäller und Landräuber, die sie für landwirtschaftliche Zwecke oder den Bergbau beanspruchen wollen. Die Demarkierung und der Schutz indigener Gebiete sind für den Erhalt der Biodiversität von entscheidender Bedeutung, kommen aber nur schleppend voran.

Auch die globale Staatengemeinschaft spielt hier eine Rolle. Europäische Nationen fordern zwar zunehmend nachhaltige Produkte, doch die konkrete Umsetzung und Kontrolle der Lieferketten sind oft unzureichend. Die Europäische Union hat zwar ein Gesetz gegen importierte Entwaldung erlassen, dessen Wirksamkeit sich jedoch erst in der Zukunft zeigen wird. Solange die Nachfrage nach günstigen Rohstoffen hoch bleibt, wird der Druck auf die brasilianische Natur bestehen bleiben.

Experten mahnen, dass Brasilien in einen Teufelskreis geraten könnte: Eine wirtschaftliche Abhängigkeit von der Agrarindustrie führt zu weiterem Druck auf die Umwelt, was langfristig die natürlichen Ressourcen des Landes gefährdet. Für Präsident Lula bleibt es eine heikle Balance, zwischen den wirtschaftlichen Interessen und dem lebensnotwendigen Schutz seiner einzigartigen Ökosysteme zu navigieren.

Quelle: https://www.diepresse.com/20617330/brasilien-setzt-wieder-auf-soja-statt-regenwald

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