Am Sonntag wählt Thailand. Die Jungen sind frustriert. Nun nehmen sie die Dinge selbst in die Hand

Wahlen in Thailand: Eine junge Generation sehnt sich nach Wandel und ist enttäuscht

Am 14. Mai wird in Thailand ein neues Parlament gewählt, wozu über 50 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen sind. Zunehmend zeigt sich eine junge Bevölkerungsgruppe enttäuscht von der politischen Lage im Land. Ihre Erwartungen gehen über eine blosse Wirtschaftsbelebung hinaus; sie verlangen umfassende Reformen.

Mintra, eine 23-jährige Hotelangestellte aus Bangkok, bewohnt mit ihren Eltern ein beengtes Apartment. Ihre Familie sieht sich mit steigenden Lebenshaltungskosten konfrontiert. „Die Preise sind explodiert“, beklagt Mintra. Nach dem Verlust ihrer Anstellung im Hotel während der Pandemie arbeitet sie nun für ein Marketingunternehmen, erzielt jedoch ein merklich geringeres Einkommen. „Es fällt mir schwer, finanziell über die Runden zu kommen. Ein Studium ist für mich unerschwinglich“, äussert sie.

Diese Enttäuschung teilen zahlreiche ihrer Altersgenossen. Seit 2014 wird Thailand von der Militärregierung unter Premierminister Prayuth Chan-o-cha geleitet. Obwohl nach den Wahlen 2019 erste zaghafte Schritte in Richtung Demokratisierung unternommen wurden, verharrte Prayuth im Amt. Die unter 30-jährige Generation ist in einem von politischer Instabilität, zwei Militärputschen und fortwährenden Protesten gekennzeichneten Thailand herangewachsen. Sie verlangen nun einen fundamentalen Wandel.

„Wir wünschen uns ein Land, in dem Chancengleichheit für alle herrscht und nicht ausschliesslich die Wohlhabenden begünstigt werden“, erläutert Mintra. Für eine Vielzahl junger Thailänder erscheint die Vision einer vielversprechenden Zukunft, einer sicheren Arbeitsstelle und eines autonomen Lebens zunehmend unerreichbar. Das Königreich sieht sich mit einer beträchtlichen Staatsverschuldung, verhaltenem Wirtschaftswachstum und einer demografischen Alterung konfrontiert. Des Weiteren empfinden viele junge Menschen die persistente Korruption im Land als ein gravierendes Problem.

Die Frustration der Jugend hat sich seit den Protesten von 2020 noch intensiviert. Damals demonstrierten Tausende Studierende öffentlich für Reformen. Ihre Kritik richtete sich nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen die Rolle des Königshauses. Eine offene Infragestellung der Monarchie gilt in Thailand als äusserst sensibel und kann zu Haftstrafen führen. Trotzdem wagten die jungen Aktivisten, herkömmliche Tabus zu durchbrechen.

Ein Hauptnutzniesser dieser jugendlichen Unzufriedenheit ist die „Move Forward Party“ (MFP). Unter der Führung des 42-jährigen Pita Limjaroenrat verfolgt die Partei das Ziel, die bestehenden Machtungleichgewichte im Land zu beseitigen und weitreichende Systemreformen einzuführen. Dazu zählen die Verringerung des politischen Einflusses des Militärs sowie die Abschaffung der Wehrpflicht. Auch eine Reform der Monarchie ist vorgesehen, unter anderem durch eine Anpassung des „Lèse-Majesté“-Gesetzes, welches Kritik am Königshaus kriminalisiert.

Demgegenüber stellt die „Pheu Thai“ (Für die Thailänder), die stärkste Oppositionspartei, unter der Ägide der 36-jährigen Paetongtarn Shinawatra (Tochter des früheren Premierministers Thaksin Shinawatra), vorrangig kurzfristige wirtschaftliche Unterstützung in Aussicht. Diese Massnahmen sollen die Lebenshaltungskosten senken und die Konjunktur beleben. Die Partei wird als populistisch eingestuft und verfügt über eine beträchtliche Wählerbasis, speziell in den ländlichen Regionen.

Eine schwierige Wahl offenbart sich den jungen Wählern. Obwohl die MFP mit ihren weitreichenden Reformvorschlägen die Anliegen der jungen Generation theoretisch aufgreift, bleibt die tatsächliche Realisierung dieser Forderungen ungewiss. Das thailändische Establishment, bestehend aus Monarchie, Militär und Justizwesen, hat eine lange Historie darin, unerwünschte politische Strömungen zu unterbinden.

Dies manifestierte sich bereits im Schicksal der Vorgängerpartei der MFP, der „Future Forward Party“ (FFP), die 2020 aufgrund unerlaubter Parteispenden vom Verfassungsgericht aufgelöst wurde. Zahlreiche Abgeordnete der FFP traten anschliessend der MFP bei.

Die unter der Militärregierung geschaffene thailändische Verfassung sichert dem Militär weiterhin umfassende Macht. Der Senat, dessen Mitglieder durch das Militär bestimmt werden, besitzt ein entscheidendes Mitspracherecht bei der Ernennung des Premierministers. Folglich müsste die MFP, um ihren Kandidaten Pita Limjaroenrat ins Amt zu heben, nicht nur eine absolute Parlamentsmehrheit erringen, sondern auch die Zustimmung zahlreicher Senatoren gewinnen – ein ambitioniertes Vorhaben.

Zahlreiche ältere Wahlberechtigte begegnen den radikalen Reformvorschlägen der MFP mit Misstrauen, da sie eine weitere Destabilisierung des Landes befürchten. Die ältere Generation, welche die wirtschaftlichen Aufschwungsphasen der 1980er und 1990er Jahre miterlebte, legt Wert auf Stabilität und Ordnung. Für sie repräsentiert Premierminister Prayuth Chan-o-cha, der auch die letzten neun Jahre regierte, eine Verkörperung der Beständigkeit.

Dennoch ist die junge Generation nicht länger gewillt, abzuwarten. Sie möchte die Zukunft ihrer Nation proaktiv mitgestalten. „Ich wünsche mir, dass unsere Anliegen Gehör finden und wir tatsächlich etwas bewegen können“, erklärt Mintra. Über sieben Millionen Erstwähler werden ihre Stimme abgeben. Ihre Beteiligung könnte von entscheidender Bedeutung sein und ein deutliches Signal für den Wandel senden. Die Wahlen vom 14. Mai werden aufzeigen, ob Thailand bereit ist für einen Neuanfang.

https://www.nzz.ch/international/thailand-vor-den-wahlen-die-jungen-sind-frustriert-wuenschen-sich-reformen-ld.1922757

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