Vor einem Regimewechsel?: Die Iraner verpassen viel Wohlstand

Der Iran besitzt ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial. Trotz seiner Isolierung zählt das Land zu den bedeutendsten Volkswirtschaften der Region und verfügt weltweit über die zweitgrößten Gasreserven sowie die viertgrößten Ölreserven. Diese Möglichkeiten bleiben jedoch aufgrund von Sanktionen, Korruption und mangelhafter Verwaltung weitestgehend ungenutzt.

Iran beheimatet eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung, von der ein bedeutender Teil den Westen kennt. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt, und 25 Millionen Menschen haben die Möglichkeit, mit westlichen Technologien in Berührung zu kommen – sei es durch Satellitenfernsehen oder über soziale Medien. Diese Generation strebt nach besseren Lebensbedingungen. Mit einem jährlichen Bedarf von geschätzten 110 Milliarden US-Dollar an Investitionen zur Modernisierung des Landes wäre eine Öffnung der Wirtschaft für westliche Unternehmen von großem Vorteil.

In der Vergangenheit haben internationale Fluggesellschaften wie Boeing und Airbus bereits Geschäfte mit dem Iran abgeschlossen. Auch westliche Energieriesen wie Total und Shell sowie deutsche Konzerne wie Siemens und Daimler zeigten Interesse, um ihre Wettbewerbsposition gegenüber chinesischen, russischen und türkischen Anbietern zu stärken. Eine solche wirtschaftliche Integration würde nicht nur die finanzielle Situation des Iran verbessern, sondern auch potenziell zu einer größeren politischen Stabilität und Zusammenarbeit führen.

Anstatt jedoch diesen Weg der Öffnung zu beschreiten, hat sich die Islamische Republik unter der Führung von Präsident Ebrahim Raisi dazu entschlossen, enger mit anderen Dritte-Welt-Regimen zusammenzuarbeiten. Diese Politik führt dazu, dass die Aussichten auf wirtschaftliches Wachstum und Prosperität, besonders für die junge Bevölkerung, gedämpft bleiben.

Die Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für 2023 und 2024 verdeutlichen diese Entwicklung. Während die Weltwirtschaft voraussichtlich um 2,8 Prozent beziehungsweise 3 Prozent wachsen wird, stagniert das iranische Wirtschaftswachstum. Die Inflationsraten bleiben hoch, im Jahr 2023 bei 40 Prozent und 2024 bei 35,9 Prozent. Auch die Arbeitslosenquote, die 2023 bei 9,8 Prozent lag, bleibt ein Problem.

Besonders im Energiesektor sind die verpassten Chancen offensichtlich. Obwohl der Iran das Potenzial hätte, täglich 3,5 Millionen Barrel Öl zu fördern, exportiert das Land aktuell aufgrund der internationalen Sanktionen nur etwa 1,5 Millionen Barrel. Darüber hinaus fehlen dem Iran ausreichende Investitionen, um die alternde Infrastruktur seiner Öl- und Gasanlagen zu modernisieren. Ein Beispiel hierfür ist die fehlende Fähigkeit, das mit der Ölförderung anfallende Begleitgas zu verwerten, das stattdessen in die Atmosphäre entweicht. Dies allein verursacht jährliche Verluste von 10 Millionen US-Dollar und könnte bei der Nutzung zu 5 Millionen US-Dollar Mehreinnahmen führen.

Um das volle Potenzial seiner Gasreserven zu nutzen, wären Investitionen in Milliardenhöhe notwendig. Ohne diese Gelder bleiben die gewaltigen Vorkommen weitgehend unerschlossen.

Währenddessen versuchen chinesische, indische, türkische und die Vereinigten Arabischen Emirate die entstandene Lücke zu füllen, indem sie im Iran investieren. Sie nutzen die Abwesenheit westlicher Konkurrenz, um ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen und Einfluss in der Region zu gewinnen. Das Land könnte jedoch bei einer Öffnung vom Zugang zu westlicher Technologie und Kapital stark profitieren, was eine nachhaltigere Entwicklung ermöglichen würde.

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/welche-wirtschaftliche-chancen-iran-verpasst-110830650.html

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